rezension

u-lit Literatur Magazin  
 




Radikale französische Literatur?
"Das Modell Beigbeder /
Houellebecq"


Informationen zu Biographie
und Büchern von
Virginie Despentes


Virginie Despentes:
"Wölfe fangen"

Virginie Despentes:
Pauline und Claudine



Roman. Deutsch von Michael Kleeberg.
Rowohlt, 2001.255 S.

Platz da, Houellebecq!

Okay. Also dieses Buch hat echt Klasse. Die Art und Weise, in der Virginie Despentes ihre Themen durchzieht, diese Gratwanderung zwischen Trash, radikal-feministischem Essay und Popliteratur ist wirklich cool. Ästhetisch radikaler als Houellebecq und Beigbeder, kommt Despentes gleichzeitig verdaulicher und spannender als beide zusammen rüber. Und das ganz ohne große Gesten, und ohne philosophische Überfrachtung.

Wieder stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, aber anders als in "Wölfe fangen" führt ihr Trip hier nicht zwangsläufig in den Tod. Pauline und Claudine sind Zwillings-Schwestern. Gegeneinander aufgehetzt durch den egoistischen, jähzornigen Vater und die schwache Mutter hassen sie sich seit früher Kindheit. Ihre in der Konsequenz komplett konträren Verhaltensmuster, die unterschiedlichen Leben, die sie führen, erscheinen so völlig logisch. Dies ist umso bemerkenswerter, als daß das Muster der komplementären Zwillinge ein so bekanntes, um nicht zu sagen ausgelutschtes, Motiv der Literatur ist.

Claudine bezieht Position in der Rolle des Spielzeugs aller Männer: willig, nicht besonders helle, ihren Körper feil bietend. Sie ist grundsätzlich dressed to kill und es gibt keinen Mann, der ihr nicht hörig werden muss. Was nicht bedeutet, daß sie nicht jeden von ihnen hasste. Pauline hingegen liebt nur einen Mann. Sie verachtet ihre Schwester für deren "Nuttigkeit". Sie selbst zieht grundsätzlich nur betont körperlose Klamotten an.

Die eigentliche Story wird dadurch in Gang gesetzt, daß Claudine einen Plattenvertrag ergattert, obwohl sie nicht singen kann. Also holt sie ihre Schwester nach Paris, um sie zu vertreten. Als diese zum ersten Auftritt geht, fast gegen ihren Willen, da bringt Claudine sich einfach um. Ohne zu zögern, aus einer Eingebung ähnlich der, die Claudine in den Tod trieb, übernimmt Pauline die Identität ihrer Zwillingsschwester. Behilflich dabei ist ihr Nicolas, der einzige Freund Claudines.

Dieser Nicolas ist eine ganz erstaunliche Figur im Despentesīschen Kosmos. Ein Loser, ein Drifter, ein Mann ohne Willen zur Macht, der aber beiden Schwestern zum Freund wird. Erst aufbauend auf dieser Freundschaft, vielleicht sollte man besser von Kumpelei sprechen, wechselt er in die Rolle des Liebhabers. Ansonsten tauchen Männer auch in "Pauline und Claudine" nur als Witzfiguren auf, die, selbst, wenn sie es gut meinen, an ihrer Prätentiösität, die in keinem Verhältnis zu ihren wahren Möglichkeiten steht, scheitern.

Pauline sieht sich in ihrer neuen Identität plötzlich mit einer ihr völlig unbekannten Realität konfrontiert. Die Mischung aus Wut, Ablehnung und Faszination, die sie empfindet, wenn sie plötzlich hautenge, tiefausgeschnittene Kleider trägt, wenn sie in High Heels durch die Strassen gehen muss, ist sehr direkt und nachvollziehbar dargestellt. Nicht nur Paulines Sicht auf ihre Umwelt gerät ins Wanken. Auch ihre eigene Rolle, ihr Verhältnis zu ihrer Sexualität ändert sich. Die "Nuttigkeit" ihrer Schwester erscheint ihr auf einmal in ganz anderem Licht.

Nein, Virginie Despentes ist nicht plötzlich versöhnlich geworden. Sex according to Despentes ist nach wie vor direkt verknüpft mit Macht, mit Ausbeutung, mit Gewalt. Und auch Pauline muss, wie die Heldinnen in Base moi, lernen, zur Freibeuterin zu werden. Sie muss lernen, rücksichtslos zu agieren, sexuelle Erniedrigung durch kalkulierte Wut zu konterkarieren. Wut ist immer noch , im schon 4. Roman Despentes, der Treibstoff ihres Schreibens. Sie benutzt die Mittel des Genres, nicht die der populären Phlosophiererei. Hard-Boiled Krimis, das Trash Entertainment a la Pulp Fiction, diese Schule macht Despentes fruchtbar für ein absolut ernsthaftes Schreiben.

Wut und der Wille, es schaffen zu wollen: dies eint Despentes und ihre Heldin, Pauline. Und es gelingt. Anders als in "Base moi" sogar ihren Figuren. Da kommt Freude auf.

John Boysen

virginie despentes pauline und claudine


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