Antonio Tabucchi:
Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro

Hanser, 1997.
542 S.

Morbus Gaarder oder Höegsche Grippe?

Antonio Tabucchi, der italienische Herausgeber der Werke Pessoas und Professor für portugiesische Literatur, schickt die Leute gerne auf Reisen. War es in "Erklärt Pereira" der alternde Redakteur, der aus der inneren Emigration in die äußere, nämlich nach Paris, ging, ist es im vorliegenden Buch der junge Journalist Firmino, der aus Lissabon kommend, in Porto über einen spektakulären Mordfall berichtet (anstatt in Paris ein heiß ersehntes Forschungsstipendium anzutreten). Vor Ort trifft er auf den Anwalt Don Fernando, der ob seiner Ähnlichkeit zu dem Schauspieler Charles Laughton, Loton gerufen wird. Zusammen gehen die beiden an die Aufklärung des Mordes, der sich als Rache korrupter Polizisten an einem kleinen Gelegenheitsdieb herausstellt. Zwei Aspekte kommen dabei zusammen: Systematische Folter und Hinrichtung auf portugiesischen Polizeirevieren einerseits, persönliche Grausamkeit und Bereicherung durch Drogengeschäfte anderseits. Das wirkt etwas gewaltsam zusammen geschnürt und ist damit symptomatisch für das ganze Buch.

Aufklärung und Verhandlung des Mordes dienen lediglich als Gerüst für ein Ensemble von Typen, die in Tabucchis Poetologie das reale Leben verkörpern, und eingeworfenen philosophischen und literarischen Brocken. "In der Literatur hat alles mit allem zu tun, es ist wie ein Spinnennetz." Die Verbindungen, die verschütteten Zusammenhänge der europäischen Geschichte dieses Jahrhunderts sind es, die Tabucchi eigentlich interessieren. Im Zentrum steht dabei Hans Kelsens Rechtsphilosophie. Kelsen, 1881 in Prag geboren, legte 1911 seine Theorie einer reinen Rechtswissenschaft nieder, die alle ethischen, historischen, psychologischen und sozialen Begründungen des Rechts ablehnte. Als einzige Legitimation der Rechtssetzung akzeptierte er den sich in diesem Akt manifestierenden Geltungsanspruch: Die "Grundnorm". Im Lichte dieser `reinen' Wissenschaft bestand jedoch kein wesentlicher Unterschied zwischen dem Rechtssystem etwa der Weimarer Republik und dem der nationalsozialistischen Diktatur: ein schmerzhafter Riß im Denken eines Manns, der, von jüdischer Abstammung, vor den Nazis aus Europa fliehen mußte. Von hier aus laufen die Fäden zu Kafkas "Strafkolonie", zu Jean Amery, Hölderlin, Flaubert, Camus... ein Spinnennetz, dem nach zu gehen dem Leser als Forschungsauftrag aufgegeben ist: Der Roman deutet die Verbindungen nur an.

Sogar das Plädoyer des Anwalts Loton, der eigentliche Höhepunkt des Romans, wird nur in Fragmenten wiedergegeben.Im Speisewagen des Zuges, der ihn nach Lissabon zurückbringen wird, hört der Journalist Firmino die fehlerhafte Aufnahme des Plädoyers zusammen mit einem Kellner ab, der ihn, einem absurden Gesetz "der Eisenbahn" folgend, dort nicht dulden dürfte. Aus dem Bedürfnis nach Gesellschaft und aus dem Gefühl, daß es in der verstümmelten Rede auch um ihn geht, entzieht der Kellner sich dem Gesetz und serviert Firmino Rühreier.

Das kennzeichnet die lebenszugewandte Seite des Schreibens Tabucchis. Seine karge, eher benennende als beschreibende Prosa vermittelt immer wieder Bilder von melancholischer Sinnlichkeit: Die Liebe zur realen Welt, den Gerüchen, Geschmäcken, der Geschichte und den Menschen Portugals bestimmen den ersten, erzählerischen, Teil des Romans. Eröffnet wird er durch El Rey, einen alten Zigeuner, der mit den Gerüchen der Natur vertraut, beim frühmorgendlichen Wasserlassen an einer uralten Eiche die Leiche findet. Ein archetypischer Vertreter der iberischen Zigeuner, ohne die laut Danksagung dieses Buch nicht entstanden wäre. Auch der Anwalt, dessen Tiraden den zweiten Teil dominieren, ist ein Mann mit Leib, gezeichnet allerdings von einer Suchtbeziehung zum Essen, zu Zigarren und Wein. Beendet wird die Geschichte mit der Hoffnung auf die Hilfe eines körperlich und psychisch schwer verwundeten Transvestiten, eine moderne Entsprechung des verfolgten, marginalisierten Zigeuners: "Aber denken Sie daran, sie ist vor allem ein Mensch." Genau hier manifestiert sich für Tabucchi die Grundnorm: In der absoluten Unentbehrlichkeit des Individuums für alle anderen Individuen.

Wie schon "Erklärt Pereira", ist auch der neue Roman die Geschichte der Erweckung eines Journalisten zu humanistischen Idealen. Fast könnte man auf die Idee kommen, es handele sich um eine mit philosophische Handreichungen erweiterte Spiegelung des Vorgängers. Wollte man noch bösartiger sein, könnte man vermuten, Tabucchi habe sich auf seinen Reisen eine leichte Form der skandinavischen Krankheit eingehandelt, wahlweise Morbus Gaarder oder Höegsche Grippe genannt, deren typische Symptome die unreflektierte Benutzung schwerer Zeichen zwecks moralischer Erbauung mit Bestselleroption sind.
Diese Erweckung allerdings erfolgt als Zuwendung zum Sozialen, ist eher auf das Handeln, hier also Schreiben, und den Wissenszuwachs gerichtet als auf eine Ethik. Was mit einem Roman versöhnt, der bei aller Eleganz doch recht fragmentarisch und lose verknüpft bleibt.

Burckhard Christians
 


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